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Interview zum Kantinenlesen von 2006
mit Dan Richter in der Zeitschrift [030] Dan
Richter hat nach eigenen Angaben „tausend Sachen“ gemacht, bevor
er irgendwann Anfang der 90er vor einem Open-Mike stand um seine
ersten eigenen Texte arglosem Publikum zu kredenzen und damit den
Grundstein einer Karriere setzte, die bis heute unverkennbare
Berliner Züge hat. Seitdem befindet sich Dans Arbeitsgebiet zwar
streng genommen im kulturellen Untergrund der Stadt, entwickelt
jedoch einen stetig wachsenden Sog auf mainstream-müde
Literatur-Fans. Dan Richter ist Mitbegründer der Lesebühne
Chaussee der Enthusiasten und Initiator, Organisator und Moderator
des Kantinenlesens in der Kulturbrauerei, dem einzigen
Gipfeltreffen Berliner Autoren.
Kurze Frage zur Einführung: Was sind
Lesebühnen?
Mehrere Leute stehen auf der Bühne und tragen kurze Sachen
vor. Das sind mehr oder weniger geschlossene Zirkel, wo jeglicher
Wettbewerbsmoment fehlt. Wir stellen uns hin und lesen was vor und
danach gibt es keine Abstimmung oder so was.
Ist die Chaussee der Enthusiasten die erste Berliner Lesebühne?
Nein, nein! Die erste war Dr. Seltsams Frühschoppen. Die hatte
seit 1990 mehrere Jahre lang das Monopol in Berlin. Allerdings
haben die sich vor ein paar Wochen gesplittet, in Dr. Seltsam und
in Frühschoppen. Dann gibt es seit 1996 noch die Reformbühne, dann
kam Liebe Statt Drogen oder LSD, dann die Surfpoeten, und wir sind
dann relativ spät, das war 1999, mit der Chaussee der Enthusiasten
dazugekommen. Inzwischen gibt es aber auch noch die
Erfolgsschriftsteller im Schacht, die Brauseboys usw.
Solche Bühnen gibt es im Prinzip nur hier in
Berlin. Woher kommt das?
Warum das so ist, weiß ich nicht. Vielleicht ist das einfach
so ein Nachahmer-Effekt. Es ist eine Kunstform, mit der man erst
mal nicht viel Geld verdient. Dass einige Lesebühnen im Laufe der
Jahre erfolgreich geworden sind, konnte keine Bühne bei Gründung
ahnen. Zu den Surfpoeten und der Chaussee der Enthusiasten kommen
über 200 Leute im Schnitt. Jede Woche.
Was sind die Unterschiede zwischen den
verschiedenen Lesebühnen?
Das ist Interpretationssache, weil die Lesebühnen sich vor
allem selbstständig entwickeln. Da gehen manche Leute weg und es
kommen welche dazu. Die wesentlichen Unterschiede gibt es
eigentlich in der Form. Bei den Surfpoeten wird zum Beispiel nach
jedem Text Musik aufgelegt, da geht es immer Text, Musik, Text
usw., und durch die Art und Weise der Gruppenpräsentation und
natürlich auch durch die einzelnen Personen, die der Veranstaltung
mehr oder weniger stark ein Gesicht geben. Aber das alles ist
Interpretation. Man neigt als Zuschauer, glaube ich, sehr schnell
dazu, zu glauben, den Autoren zu kennen. Das ist überall gleich.
Worum geht es in den Texten? Grenzt ihr euch
thematisch ein?
Nein, eingrenzen nicht, zumindest nicht bewusst. Eine formale
Einschränkung gibt es vielleicht dadurch, dass die Texte selten
länger als sieben, acht Minuten sind. Wenn jemand einen längeren
Text hat, dann wird er den in der Regel teilen und im Laufe des
Abends irgendwann den zweiten Teil lesen. Viele Geschichten werden
aus der Ich-Perspektive erzählt und viele dieser Geschichten sind
auch in irgendeiner Weise autobiographisch. Das ist so ein
typisches Schema, was aber nicht geregelt ist. Es sind auch schon
kleine Hörspiele oder Theaternummern aufgeführt worden, Gedichte,
Lieder. Es gibt sowieso fast immer ein richtiges Lied am Abend.
Oder Science-Fiction, das haben wir auch schon mal dabei gehabt.
Ist Humor das Wichtigste?
95% der Texte haben den Anspruch, unterhaltend zu sein und es gibt
ganz selten mal den Punkt, wo man versucht, das zu unterwandern,
also nicht versucht, alles ironisch zu brechen, sondern direkt in
die Magengrube zielt. Das ist aber ein sehr gewagtes Unterfangen,
was oft schief geht. Der Humor ist schon eine sehr wichtige Sache,
wichtiger als die Themen auf jeden Fall. Die Themen sind im Grunde
irrelevant, bzw. du kannst, wenn du gut schreibst, aus jedem Stoff
eine urkomische Geschichte schreiben.
Du bist Gründer, Organisator und Moderator vom
Kantinenlesen. Geht das über die normale Lesebühne hinaus?
Das Kantinenlesen ist als Lesebühne insofern anders, als dass
es dort keine feste Gruppe gibt. Es ist ja ein wichtiges
Kriterium, was alle Lesebühnen in Berlin gemeinsam haben, dass es
feste Gruppen sind, die ab und zu zwar mal Gäste haben, aber
eigentlich immer ein Team von sechs, sieben Leuten sind. Und 2000
hatten wir dann die Idee, dass man die ja mal zusammenbringen
könnte, immer in neuen Konstellationen. Irgendwann haben wir aber
gemerkt, dass die Sache so ganz ohne Struktur nicht geht. Und das
war der Moment, wo mir die Kollegen gesagt haben, du hast das
alles ins Leben gerufen, du organisierst das alles, dann moderier
halt auch.
Ist das Kantinenlesen ein Best-of der Berliner
Lesebühnen?
Es ist insofern ein Best-of, als dass die Autoren nicht mit so
einer Häufigkeit auftreten wie auf ihren Heimatbühnen. Sie können
also aus ihren Texten auswählen. Wenn sie jede Woche ungefähr
zwei, drei neue Texte für ihre Heimatbühne schreiben, dann sind
nach vier, fünf Wochen ein paar gute und ein paar weniger gute
dabei. Also bringen sie dann die guten Sachen mit zum
Kantinenlesen. Wir wollen aber vor allem versuchen, die
verschiedenen Leute zusammenzubringen, denn es sind ja immer mehr
Lesebühnen geworden und der Dunstkreis ist demnach auch viel
größer. Die Autoren regelmäßig zusammenzubringen ist mir wichtig.
Man trifft beim Kantinenlesen also auch immer wieder einzelne
Figuren, die für die ganze Szene stilprägend waren.
Wer ist das deiner Meinung nach?
Das sind Autoren, die auf andere Autoren ausgestrahlt haben. Was
allerdings nicht unbedingt parallel läuft mit deren Erfolg. Wenn
ich von neuen Tönen und neuen Ansätzen spreche, dann denke ich an
Ahne von der Reformbühne und von den Surfpoeten. Er war auf jeden
Fall derjenige, der einen neuen, anarchistischen, überdrehten,
verrückten Ton reingebracht hat, der eine ganz neue Kraft hatte.
Dann ist sicherlich auch Michael Stein wichtig, der frei
improvisiert, also fast gar nicht mehr liest und quasi Vorträge
hält. Und natürlich Jochen Schmidt, der eine ganz neue Feinheit in
den Text mit reingebracht hat, eine neue Intelligenz gegenüber dem
Text.
Seid ihr also alle verkappte Schriftsteller?
Schriftsteller im Sinne von Bücher rausbringen? Ich glaube
nicht, dass alle das wollen.
[nachträgliche Anmerkung: Wieso eigentlich "verkappt"?]
Ist das Kantinenlesen eine gute Bühne für einen
ersten Abend mit euch?
Ich hoffe es! Viele haben keine Lust darauf, immer die
gleichen Leute zu sehen. Für manche ist es gerade der Charme,
immer dieselben zu sehen – das ist so ein bisschen der Soap-Effekt
– und die anderen finden es aber toll, einen immer neuen
Mischmasch zu sehen. Für die ist das Kantinenlesen gut.
Interview: Andreas v. Flotow |
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